Auf dem Weg nach Cortina: Lavaredo Ultratrail 120k
- Lars Ferbitz
- 3. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Juli
Das erste grosse Ziel für 2026 steht fest: Die erste Teilnahme am Lavaredo Ultratrail 120k. Sei dabei auf meinem Weg in diesem Blogbeitrag.

Lavaredo 120k
Ein Traillauf durch das UNESCO-Weltkulturerbe Dolomiten. Was kann es Schöneres geben? Ich habe schon viel darüber gelesen, begeisterte Rückmeldungen aus der Traillauf Community gehört, Videos geschaut.. Nun möchte ich es einmal persönlich erleben. Ich kenne Cortina d'Ampezzo, ich war schon in Südtirol.. vor langer Zeit als Student. Aber sicher nicht zum Laufen. Es ging ums Klettern in steilen Routen, um das alpine Abenteuer in Mehrseillängen.. aber bitte kein zu langer Zustieg! Laufende Zeitgenossen in den Bergen waren eher befremdend. Warum wegrennen vor so schönen Wänden, wieso rennt man überhaupt bergauf? Die Interessen haben sich mit der Zeit geändert: Ich liebe lange Distanzen, viele Höhenmeter in atemberaubender Umgebung, das Laufen auf anspruchsvollen Trails durch die Nacht, in den Sonnenaufgang..
aber bis dahin gibt es noch viel zu tun.
Der Trainingszustand (Dezember 2025)
Mein Trainingszustand entspricht eher dem eines Weihnachtsguetzlis. Gemütlich in der Dose liegen, von warmen Düften umgeben, aber raus bei dem kalten Wetter..?? Allein bei dem Gedanken tut schon alles weh.
Da hilft nur ein Plan und die Motivation ihn umzusetzen:
Kraftübungen, Beweglichkeit, Stabilität (auf die Verletzungen von letzter Saison kann ich verzichten)
Langsame Dauerläufe
Intervalltraining (es ist ein schönes Gefühl mal schneller unterwegs zu sein)
Trainieren in und mit der Gruppe (so kommt die Motivation von ganz alleine)
aber bitte nicht zu ernst, der Spass steht im Vordergrund

20.12.2025
Neujahrsvorsätze
Das schöne an Trainingsplänen ist, dass man sie auch mal löschen kann. Es schreit niemand, die Welt geht nicht unter..
dafür kann man die wunderschönen Trails im Wallis in guter Gesellschaft geniessen.
06.01.2026
Medizinisches Zertifikat
Für einen Ultratrail im Ausland kann ein medizinisches Zertifikat verlangt werden. Das ist ja ok. Die Anforderungen für Lavaredo 2026 sind jedoch aussergewöhnlich: Medizinischer Check-up, Ruhe- und Belastungs-EKG, Spirometrie...
Der Lauf scheint echt krass zu sein. Bin ja mal gespannt. Immerhin, alle Tests bestanden. Es kann weiter gehen.
18.01.2026
Motivation
Woher kommt das Motivationsloch im Januar?
Anfangs Jahr sind die Ziele noch hochgesteckt. Man stellt sich schon vor, wie man durch die Ziellinie des ersten Ultratrails läuft, man hat sein Wunschgewicht erreicht, das erste Mal konnte man seinen Trainingsplan einhalten, auf der Laufbahn wird man immer schneller..
Dann kommt die Realität. So langsam war man noch nie, die einzige Veränderung ist der zerrende Schmerz im Knie (die Trainingsbelastung wurde viel zu schnell gesteigert), das Wunschgewicht war noch nie so weit weg.. Damit geht die anfängliche Euphorie verloren, warum die ganze Mühe und Anstrengung?
Die Liste der Entschuldigungen aufzugeben ist lang (zu kalt, zu nass, zu müde, zu viel Arbeit..). Hier benötigt es einen klar strukturierten Plan und klare Regeln. Es ist nicht schlimm mal ein Training zu verschieben, aber nicht zweimal hintereinander. Habe ich zu wenig Zeit für das geplante Training, sind die Bedingungen zu schlecht für den geplanten Trail (endlich mal Neuschnee, nur Eis auf den Wegen) passe ich das Training an, abgesagt wird nicht..
aber vor allem: Sei nicht zu streng zu Dir. Heute keine Lust auf Joggen? Kein Problem, eine schöne Skitour kann so motivierend sein, eine Tour im Eis, auf die Loipe, ein cooler Laufpartner oder -partnerin.. Es hat so viele Möglichkeiten. Hauptsache der Spass am Laufen geht nicht verloren.
08.02.2026
Planänderung
Skiferien sind etwas Schönes. So viel Schnee hatte es noch nie. Ein Pulvertraum. Aber auch nicht ungefährlich. Die Lawinensituation heikel, aber auch im Versteckten lauert die Gefahr: Verborgen unter einem unschuldigen Flausch von Schneekristallen: Das Eis!! Es ist bekannt, dass Eis rutschig ist. Sowohl mit Skischuhen, als auch in Laufschuhen. Aber ist man ein Glückspilz wenn man zweimal genau auf die gleiche Stelle am Oberschenkel hinfliegt? Mit der Beweglichkeit einer Schildkröte wird schnell aus dem Aufbautraining ein Training zum Erhalt der aktuellen Fitness bis man einsieht, mal wieder laufen zu können wäre auch schon ein Ziel. Die neue Sportart ist gefunden, der "Wanderlauf". Es benötigt hier ein geübtes Auge, um die Nuancen des Joggens immer noch erkennen zu können. Mit der Langsamkeit lässt sich die Schönheit der Landschaft neu entdecken und in sich aufsaugen. Es hat Zeit dem überraschten Dachs "Hallo" zu sagen und den etwas weniger flinken Teil der Landschaft fotografisch festzuhalten. Eine Traumwelt, die das Wallis zu genüge bietet.
26.02.2026
Regeneration
Wenn man beim Bouldern die Hand zu Hilfe nehmen muss, um den Fuss auf den Tritt zu bekommen, man in der Nacht ständig aufwacht, weil es irgendwo zieht und zupft... Dann ist es definitiv Zeit für eine Pause.. und das bei schönstem Laufwetter, Vollmond in der Nacht.. Die Situation ist vergleichbar mit nur noch grünen Salat essen, Müesli ohne Milch knabbern.. Aber es hilft nichts.. Es ist Zeit für eine Pause, und es ist Zeit für Yoga.
28.02.2026
Yoga
Yoga ist sicher nicht mein Steckenpferd, die meisten Übungen werde ich nie können. Immerhin habe ich endlich eine Yoga Sequenz gefunden, die vor allem die Beweglichkeit in der Hüfte deutlich verbessert und nach den Übungen ein Schmerz freies "Gehen" ermöglicht. Ein Wechsel aus "herabschauender Hund", "Kindeshaltung" und Abwandlungen von "Tauben Pose". Das wird das fixe Programm für die kommenden Tage am Morgen und am Abend mit etwas Rollen auf der Blackrole.
02.03.2026
Trigger Punkt
Auf geht's zur Triggerpunktmassage. Der Trigger Punkt ist das, auf den man drückt und es ist richtig spürbar. Augen zu und durch, aber es hilft. Bis die Variante angedroht wird: Das "Triggerholz".
08.03.2026
Krafttraining
Neben Übungen zur Erhöhung der Hüftbeweglichkeit liegt der Fokus auf gezieltem Krafttraining... und es zeigen sich endlich deutliche Verbesserungen. Neben dem Kopenhagen Plank gehören Übungen mit dem Miniband in verschiedenen Stärken zur Kräftigung der Hüftfabduktoren ("Muschel"), Hüftbeuger ("Hüftflexion") und Hüftadduktoren ("Stehendes Heranziehen") dazu. Fast schmerzfreies Laufen ist wieder möglich, die Strecken werden länger, der Spass am Laufen kommt zurück.
01.05.2026
Erste Belastungstests
Mit den ersten wieder längeren Laufen wird die körperliche und mentale Fitness getestet. In drei Belastungstests mit Läufen von 35km mit 1600 Hm, 20km mit 1700Hm und 22km mit 1900Hm in technischem Gelände wird der Körper gefordert.. und es klappt. Kontinuierliches Laufen ist möglich, die Regeneration erfolgt schnell. Damit sind die Weichen gestellt für Lavaredo.
04.06.2026 - 14.06.2026
Die Würfel sind gefallen
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich zum ersten Mal wieder loslief.
Kein Tempo. Keine Uhr, die ich ernst genommen habe. Ein Trainingsplan, der schon lange keine Relevanz mehr hatte.
Nur ein vorsichtiger Schritt… und die leise Hoffnung, dass es wieder geht.
Die Monate davor?
Mehr Zweifel als Antworten.
Mehr Pausen als Kilometer.
Es gab Tage, da fühlte sich selbst der Gedanke ans Laufen weit weg an.
Und trotzdem war da immer irgendetwas, das geblieben ist:
Der Wunsch, zurückzukommen.
Nicht stärker. Nicht schneller.
Einfach zurück.
Schritt für Schritt wurde daraus wieder Bewegung.
Aus Bewegung wieder Vertrauen.
Und irgendwann kam der Gedanke, der lange unmöglich schien:
Was wäre, wenn…?
Was wäre, wenn ich wieder an der Startlinie stehe?
Was wäre, wenn ich mich nochmal auf ein richtig grosses Abenteuer einlasse?
Jetzt ist es entschieden:
Lavaredo Ultra Trail – 120 km.
Aber dieses Mal fühlt es sich anders an.
Ruhiger. Ehrlicher.
Ich laufe nicht, um etwas zu beweisen.
Ich laufe, um wieder das zu spüren, was gefehlt hat.
Den Moment.
Den Flow.
Den Weg.
Mich selbst.
20.06.2026
In Cortina d'Ampezzo
Ankunft in Cortina d'Ampezzo nach 8 Stunden Autofahrt. Das übliche Gewusel, Verkehrschaos, anstehen für die Startnummer, alle sehen so fit aus..
Heute um 23:00 Uhr geht es los, die Strecke ist in machbare Abschnitte zerlegt, das zentrale Pasta-Essen muss geplant werden, Drop Bag zusammenstellen, Laufrucksack bereit stellen. Es gibt viel zu tun und bald geht es los.
26.06.2026
Fazit
Eine Woche ist es jetzt her. Eine Woche, seit ich mit gemischten Gefühlen an der Startlinie stand. Ohne grossen Druck, ohne konkrete Zeitvorgabe, ohne Erwartungen. Oder vielleicht doch mit einer kleinen: Ich wollte nicht einfach nur durch die Nacht laufen, um danach auszusteigen.
Mein Ziel waren die Drei Zinnen. Diesen magischen Moment beim Sonnenaufgang wollte ich erleben. Alles andere würde sich unterwegs zeigen.
Und so lief ich los. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer.
Es lief nicht immer rund. Vor allem zu Beginn musste ich kämpfen, meinen Rhythmus finden und geduldig bleiben. Doch irgendwann war er da – dieser Moment, in dem Körper und Kopf zusammenarbeiten. Ich konnte laufen. Lange laufen. Sehr lange laufen.
Was bleibt, sind unzählige Fotos und Videos. Erinnerungen an eine Landschaft, die kaum in Worte zu fassen ist. An beeindruckende Bergkulissen, an perfekte Trails, an eine einzigartige Atmosphäre. Das Wetter meinte es gut mit uns, die Stimmung entlang der Strecke war grossartig – und ich durfte all das in vollen Zügen erleben.
Und ja, am Ende hat es gereicht.
Nach 24 Stunden und 23 Minuten durfte ich die Ziellinie überqueren. Rang 554 von 1201 Finishern.
Gewonnen habe ich diesen Lauf nicht. Besonders schnell war ich auch nicht.
Aber gewonnen haben andere Dinge: der Wille, niemals aufzugeben. Die vielen Trainingsstunden. Der sorgfältige Trainingsaufbau. Die jahrelange Erfahrung.. und die Unterstützung meiner Physio von Physio Sports Rehab (www.physiosportsrehab.ch), die mich auf meinem Weg begleitet hat.
Deshalb erfüllt mich vor allem eines: Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür, gesund an der Startlinie gestanden zu haben. Dankbarkeit für jeden einzelnen Kilometer. Dankbarkeit für alle Menschen, die mich auf diesem Weg unterstützt haben.
Und unendliche Dankbarkeit, im Ziel zu sein.
Im Ziel des Lavaredo 120K.
Im Ziel eines Traums, der lange Zeit völlig unrealistisch erschien.
Im Ziel meiner vielleicht grössten sportlichen Herausforderung des Jahres 2026.
Ein Zielstrich auf der Strecke.
Und gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem.

08.07.2026












































Es ist sehr beeindruckend,wie Du aus diesem „Lauftief“ herausgefunden hast. Spannende und ehrliche Zeilen…